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Schlüsselereignis

Ein Schlüsselmoment.

Eigentlich habe ich gewusst, dass es passieren würde. Immer wenn ich die Tür hinter mir zuzog, ging meine Hand panisch zur Hosentasche. Doch immer konnte ich dann beruhigt aufatmen: keine Sorge, alles gut.
Doch an diesem Morgen war es anders: Ich war rechtzeitig aufgestanden, denn ich wollte ja einem besonderen Event beiwohnen – eine Tagesveranstaltung für Journalisten, eigentlich 150 Euro teuer, wegen den guten Kontakten einer Kommilitonin für uns umsonst. Trotz der gebotenen Eile, wollte ich meine morgendlichen Rituale nicht vernachlässigen. Also machte ich mich auf den Weg zur Haustür, um die Zeitung zu holen, gleichzeitig bei der Gelegenheit wollte ich mir auch ein Paket abholen, dass am vorherigen Tag beim Kiosk gegenüber abgegeben worden war - zur Identifikation steckte ich mein Portemonnaie und den Zettel des Paketzustellers ein. Also betrat ich den Flur und zog die Tür hinter mir zu. Als das Schloss hinter mir klackte, wurde mir klar, dass etwas falsch war. Wieder die panische Handbewegung aber diesmal ohne Aufatmen: der Schlüssel war nicht da. Der befand sich ungefähr drei Meter entfernt in einer kleinen Schale, aber auf der anderen Seite der Tür. Noch einmal versuchte ich meine Handlung rückgängig zu machen. Ich drückte gegen die Tür, es gab wieder ein Klacken, doch es half nichts, die Tür war zu. Eiskalt lief es mir den Rücken herunter. In aller Frühe war Alex, mein derzeitiger Mitbewohner, nach Bonn aufgebrochen und er würde erst am späten Abend wieder nach Hause kommen. Auf seine Hilfe konnte ich also nicht bauen. Ich machte mir meine Lage bewusst: Ich stand vor der Tür in schönen Birkenstock-Sandalen, in Jeans und mit einem für die Jahreszeit eher zu dünnen Hemd bekleidet. Bestimmt einige Minuten stand ich regungslos vor der Tür, Gedanken jagten mir durch den Kopf. Jetzt verpasse ich die Veranstaltung. Und was mache ich eigentlich den ganzen Tag über in dieser Aufmachung? Kann man einen Tag im Treppenhaus verbringen? Oder wann macht eigentlich Christos, der Inhaber des griechischen Restaurants aus der Nachbarschaft, auf?
Es gibt noch einen Schlüssel, fiel mir dann ein. Meine Mitbewohnerin hatte ihn, kurz bevor sie weggefahren war, ihrer Schwester anvertraut. Könnte ich die Schwester erreichen, könnte sie mir aus der Patsche helfen. Aber wie? Ein Handy hatte ich nicht eingesteckt, ihre Nummer nicht im Kopf. Aber das Internet wäre eine Möglichkeit, schließlich waren wir bei Facebook befreundet und ich wusste, dass ihr die Nachrichten von dort auf das Handy zugesandt werden. Aber wie sollte ich hier im Treppenhaus ins Internet kommen? Ich fühlte mich irgendwie gefangen. Was wäre, wenn ich raus ginge? Würde mir ein Nachbar die Haustür öffnen, oder müsste ich dann auf der Straße bleiben? Ich beschloss, dass Herumstehen keine gute Reaktion war und wollte zumindest meinen ursprünglichen Plan umsetzen. Ich ging zum Kiosk und holte mein Paket. "Ein großes müsste das sein", sagte ich. Es war eine kleine schwarze Tüte. Und dann fragte ich noch scheinbar beiläufig kurz vor dem Gehen: "Sagen Sie, kann ich hier irgendwie ins Internet kommen? Ich habe mich ausgesperrt". Doch die Kioskfrau konnte mir nicht helfen. "Wir haben hier gar keinen Computer". Also wieder zurück ins Treppenhaus. Die Tür hatte ich mit einem Stück Holz vor dem Zufallen geschützt - zum Glück hatte das keiner weggenommen. Aber wie konnte ich jetzt ins Internet kommen? Hatte nicht eigentlich heute Jeder Internet? Viele sogar auf ihrem Handy.. Ja, okay es war noch kurz vor neun Uhr morgens, das machte die Sache etwas schwieriger. Doch die Frau, da gegenüber, die gerade den Hauseingang reinigte, könnte man die nicht fragen? Nein, irgendwie nicht. Aber hier im eigenen Haus gab es doch viele Leute mit Internet, das hatte ich an den unzähligen Drahtlosnetzwerken erkennen können, wenn ich mich mit meinem Laptop verbunden hatte. Natürlich, einige wären um diese Zeit auf der Arbeit, aber vielleicht gab es ja welche, die noch nicht los waren, die bereit sein würden mir zu helfen.

Meine Suche nach Internet begann ich links unten, der Weg war am kürzesten und die junge Familie hatte immer einen netten Eindruck auf mich gemacht. Ich drückte den unbeschrifteten Klingelknopf, es klingelte, ich wartete, nichts passierte. Man hörte aber drinnen Geräusche, seltsam. Ich lauschte auch an den anderen Türen. Im 1. Stock links schien jemand da zu sein. Wieder klingelte ich. Diesmal zweimal, damit man nicht dachte, ich würde unten an der Haustür stehen. Trotzdem hörte ich kurz darauf eine Stimme, die scheinbar mit der Gegensprechanlage redete: "Hallo. hallo??". Dann öffnete mir eine ältere Frau, anscheinend noch im Morgenmantel. "Guten Morgen. Entschuldigen Sie die Störung, aber ich habe mich ausgesperrt. Jetzt brauche ich Internet, um jemanden zu erreichen, der einen Schlüssel hat. Können Sie mir helfen?", sprudelte der einstudierte Satz aus mir heraus. Die alte Frau schaute mich etwas verwirrt an. Obwohl ich versuchte einen freundlich-flehenden Blick aufzusetzen, blieb ihr Gesicht hart. Die Falten bewegten sich kaum und die Augen schauten mich unfreudlich an. "Nein, ich kann ihnen nicht helfen", sagte sie schließlich und machte die Türe zu. Nunja, dachte ich: Die hätte wohl eh kein Internet gehabt. Doch direkt daneben wohnte doch ein junges Mädchen. Wenn die noch nicht bei der Arbeit war, konnte sie mir vielleicht helfen. Das hoffte ich zumindest. Doch auch sie öffnete nicht. Ich ging nun auch in den zweiten Stock und klingelte an beiden Wohnungen. Doch auch hier machte keiner die Tür auf und ich stand noch immer im Hausflur. Der nette Nachbar aus der Wohnung direkt neben unserer hätte bestimmt geholfen, aber der war gerade auf Mallorca. Also ging ich wieder nach unten. Auch unten rechts öffnete niemand die Tür also versuchte ich es nochmal bei der jungen Familie unten links, schließlich hatte ich hier Geräusche gehört. Diesmal hörte ich Schritte und kurz darauf öffnete mir eine junge Frau. Wieder trug ich meine Bitte vor. Die Frau schaute mich gestresst an. "Hm, das passt jetzt echt gerade gar nicht. Ich habe den Laptop schon ausgemacht. Ich werde gleich abgeholt zur Schule". "Okay", sage ich geknickt, "trotzdem danke". Ich wollte schon die Treppe wieder hinauf gehen, da lenkte die Nachbarin ein. "Aber das ist jetzt ja auch doof. Warte, ich hole dir eben den Laptop, vielleicht erreichst du ja jemanden", sagte sie und verschwand in der Wohnung.

Kurz darauf erschien sie wieder in der Tür und reichte mir ihren Laptop mit einer angesteckten Computermaus. Ich setzte mich auf die Treppenstufen. Prompt polterte die Maus auf die Stufen. Ich fluche leise vor mich hin, die Nachbarin verschwindet in ihre Wohnung. Kurz darauf ist der Computer so weit: Ich kann ins Internet und mich bei Facebook einloggen. Verrückt, dass ich mindestens zehn Onlinekennungen und -passwörter auswendig kann, aber nicht mehr als zwei bis drei Telefonnummer, denke ich noch. Das ist wohl diese neue Internetgeneration. Dann tippe ich die Nachricht an Molly, die Schwester meiner Mitbewohnerin. „Hey. Die Tür ist zu und Alex ist weit weg. Gibt es irgendeine Möglichkeit an den Schlüssel zu kommen?“. Und senden. Ich wartete. Vor Spannung schrieb ich mein Unglück auch noch zwei weiteren Leuten, die gerade online waren – man muss sich ja austauschen. Die Nachricht ging an Mollys Handy, aber die antwortet erst mal nicht. Ich versuche die Dringlichkeit meiner Anfrage zu ergänzen: „Ich hab hier nur kurz Internet, Handy is auch in der Wohnung“. Plötzlich stand wieder meine Nachbarin in ihrer Wohnungstür. „Na, konntest du wen erreichen?“. Naja.. irgendwie nicht so recht. Hatte vielleicht Molly gerade an diesem Tag ihr Handy nicht dabei, oder sie war so intensiv bei der Arbeit, dass sie die Nachricht erst Stunden später las? Und überhaupt: Wenn sie die Nachricht las, war ja auch nicht garantiert, dass sie vor ihrem Feierabend dazu käme, mir den Schlüssel zu geben.  Gleich würde ich den Laptop zurückgeben müssen, schließlich war die nette Nachbarin auf dem Weg zur Arbeit. Und dann? Ich versuchte Molly eine Übereinkunft vorzuschlagen. „Naja, ich warte hier im Treppenhaus. Vielleicht komme ich ja später nochmal ins Internet“. Das war’s. Ich machte den Laptop aus, denn die Nachbarin stand schon wieder in der Tür. „Solche Tage kann man sich auch schenken, was?“ sagte sie mit einem Lächeln. „Ja, aber was soll man machen“, erwidere ich mit einer inneren Gelassenheit, die mich mittlerweile überkommen hat. „Hast du es schon mal durch den Briefkasten versucht?“ Sie zeigte auf den Briefschlitz an der Tür, den ich bisher nicht bemerkt hatte. „Ich hab so bestimmt schon dreimal meine Tür aufgemacht, wenn ich den Schlüssel vergessen hatte. Hier die Nachbarn haben so ein Gerät mit dem das gut funktioniert“. Sie deutet auf die Wohnungstür neben an. „Wir können die ja mal fragen, ob sie es dir ausleihen“. Ich blieb wenig motiviert auf der Treppenstufe sitzen. „Da hab ich schon geklingelt, da ist keiner da“, sage ich. „Das ist trotzdem eine gute Idee, vielleicht finde ich ja auf dem Dachboden einen Draht oder irgendetwas Passendes“. „Nein, das muss schon  so eine richtige Platte sein, damit genug Gewicht auf die Türklinke kommt. Schade, dass die Nachbarn nicht da sind..“ Mittlerweile hatte sie auch nochmal geklingelt, doch noch immer machte dort niemand auf. Ich bedankte mich für die Hilfe und machte mich auf den Weg zur Wohnungstür. Immerhin eine neue Idee. Der zwischenzeitliche Optimismus wurde aber vor der Wohnungstür wieder abrupt gebremst. Es stimmte, alle Wohnungen hatten einen Briefschlitz an der Tür. Und es war richtig, dass man dadurch ein Stück ins Innere greifen konnte – das galt für alle Türen, nur nicht für unsere. Bei einer Renovierungsaktion musste jemand den Schlitz zugenagelt haben. Jedenfalls war hinter der metallenen Briefklappe eine Holzplatte. Hier war kein Raum für eine Platte oder einen Draht.

Mit schweren Schritten ging ich wieder das Treppenhaus hinunter. Hier würde mich Molly schnell sehen und hier könnte ich auch eventuell vorbeieilende Nachbarn abfangen. Wie gesagt, hatte mich mittlerweile eine Gelassenheit überkommen, die auch durch die zwischenzeitliche Hoffnung auf eine schnelle Lösung kaum getrübt wurde.  Die Sonne schien auf die Treppenstufen im Erdgeschoss, also setzte ich mich hier nieder und begann Zeitung zu lesen. Immerhin hatte ich ja durch mein Probeabo eine ganz neue taz bekommen und wann hatte man schon mal so viel Zeit für eine intensive Zeitungslektüre wie heute? Nach zehn Minuten machte sich die Nachbarin zur Arbeit. Sie wünschte mir noch viel Erfolg und ich verspürte das Bedürfnis, irgendetwas Sinnvolles zu tun. Vielleicht hatte Molly ja mittlerweile geantwortet und gesagt, dass ich mir den Schlüssel irgendwo abholen könne. Immerhin hatte ich mein Portemonnaie dabei, ich konnte also auch mit dem Semesterticket quer durch Hamburg fahren. Na gut, in meinen Sandalen und dem schicken schwarz-weiß gestreiften Hemd würde ich etwas seltsam wirken, aber das war ich bereit in Kauf zu nehmen.

Also beschloss ich etwas zu unternehmen und machte mich auf den Weg. Wo könnte man hier in der Nähe ins Internet gehen? Vielleicht in der Bücherhalle. Da fiel mir meine Tante Doris ein. Genau genommen war sie ja gar nicht meine Tante, sondern die Cousine meiner Mutter. Tante zweiten Grades, heißt das dann – wenn man in diesem Punkt Wikipedia Glauben schenken darf. Ich war bei ihr untergekommen, als ich gerade neu in Hamburg war und mich auf Wohnungssuche befand (aber das ist eine Geschichte, die bei anderer Gelegenheit erzählt werden soll). Jedenfalls wohnte Doris ganz in der Nähe und bei ihr könnte ich sicherlich ins Internet und sogar mal aufs Klo. Mit neuem Mut schnappte ich mein Fahrrad – der Vorteil eines Zahlenschlosses ist, dass man es auch ohne Schlüsselbund öffnen  kann – und fuhr in Richtung S-Bahnstation Barmbek. Als ich in die Einfahrt in der Hufnerstraße einbog, konnte ich, anders als erhofft, keinen kleinen weißen Nissan erblicken. Alles machte den Anschein, dass Doris nicht da sei, wahrscheinlich war sie in der Schule. Ich klingelte zwar, aber nur um auch ganz sicher zu gehen. Auf meinem Rückweg fuhr ich in der Nähe der U-Bahn-Station Dehnhaide an einem Internetcafé vorbei. So etwas gab es tatsächlich noch in Zeiten von allgegenwärtigen drahtlosen Netzwerkverbindungen? Anscheinend ja. Und das nicht nur in Argentinien, wo ich diese Cafés oft benutzt hatte, sondern auch mitten in Hamburg Barmbek. Ich wäre jetzt jedenfalls ein potenzieller Kunde. Nur leider war niemand da, der von meiner Zahlungsbereitschaft profitieren konnte: Der Laden öffnete erst um halb elf. Bis dahin war noch eine dreiviertel Stunde Zeit (ich hatte zwar kein Handy oder eine Armbanduhr dabei, die mir die Uhrzeit verriet, aber bei einer solchen Gelegenheit merkt man, wie gut die Zeit in der Öffentlichkeit dar steht – gefühlt gab es an jeder zweiten Kreuzung eine große Uhr.) Also suchte ich die nächste Filiale der Bücherhallen. In den Bücherhallen gab es öffentliche Computer, meinte ich mich zu erinnern. Ich hatte die nächstgelegene kleine Filiale noch nie besucht und tat mich zuerst schwer, sie zu finden. Schließlich fand ich sie direkt neben den Räumlichkeiten einer Kirchengemeinde im Kulturzentrum Basch. Um hineinzugelangen, musste man zuerst das Kulturzentrum betreten. In einem großen Veranstaltungsraum fand gerade so etwas wie ein Eltern-Kind-Frühstück statt. Es waren nicht sonderlich viele Eltern und Kinder an diesem Donnerstagmorgen gekommen, wenn mich der kurze Einblick durch die offene Tür nicht täuschte. Schräg gegenüber befand sich der Eingang zur Bibliothek, die Räumlichkeiten waren verdächtig dunkel, wie ich fand. An der Tür klebte ein Zettel „Wegen einer Betriebsversammlung öffnet unsere Filiale heute erst um 14:30 Uhr. Wir bitten um Entschuldigung“. Im Inneren waren zwei Menschen hinter einer Theke zu sehen, die Tür war trotzdem verschlossen. Ich machte mich besser wieder auf den Heimweg, vielleicht war ja Molly mittlerweile da und wartete auf mich.

Wieder zuhause angekommen, betrat ich das Treppenhaus. Zum Glück lag noch immer das Stück Holz in der Tür, so dass ich ohne große Mühen ins Treppenhaus kam. Dort hatte sich eigentlich nichts verändert. Keine Nachricht und kein Hinweis auf einen Besucher in meiner Abwesenheit. Zeitung und Pakettüten lagen fein säuberlich vor meiner Wohnungstür, wie ich sie hinterlassen hatte. Im Vorbeigehen hörte ich Staubsaugergeräusche aus der Wohnung des jungen Mädchens im 1. Stock. Sie war also zuhause, möglicherweise hatte sie mein Klingeln sogar aufgeweckt. Ich beschloss nicht noch einmal in der Nachbarschaft nach Internet zu fragen, sondern das Internetcafé aufzusuchen, schließlich hatte ich mein Portemonaie dabei. Vorher wollte ich noch bei einer Bäckerei vorbeischauen, die sich direkt neben dem Internetcafé befand. Ich hatte noch nichts gefrühstückt und die Fahrradtour ließ mich eher frösteln. Also wieder rauf aufs Rad und zur Bäckerei, die sich an einer ungemütlichen Hauptstraße befand. Ich bestellte ein Schokocroissant und eine heiße Schokolade. Mehr Schokolade ging fast nicht. „Wollen Sie das mitnehmen?“, fragte mich die Bäckereifachverkäuferin freundlich. Nein, ich wollte doch lieber dort bleiben. Im Warmen und es mir einen Moment gut gehen lassen. Doch auf diese Entscheidung konnte die Verkäuferin fast nur mit einem verwirrten Lächeln antworten. Außer mir befanden sich vier Menschen in der Bäckereikette: Zwei ältere Herren hatten es sich mit einem Klatschblatt an den Stehtischen bequem gemacht, während im Cafébereich des Ladens zwei Damen saßen, bei denen man sich gut vorstellen konnte, dass dieser Besuch zu ihren täglichen Aktivitäten gehörte. Eine ältere Dame las in einem Buch, während die andere Dame im mittleren Alter auch eine Ausgabe des Hamburger Klatschblattes in den Händen hielt. Wahrscheinlich debattierten die Männer an ihrem Stehtisch über die Sportmeldungen – wahrscheinlich ging es dort um Rafael van der Vaart, und die Frau las bestimmt gerade die Societyseiten – also über das Thema: Sylvie van der Vaart. Alle Leute in meinem Alter, die die Bäckerei besuchten,  bestellten ein Brötchen oder ein Kaffee und machten sich geschäftig weiter auf ihren Weg. Ich hatte keine Lust, Zeitung zu lesen, auch wenn ich mit meiner taz und den Birkenstocks bestimmt einen spannenden Kontrast in den Laden gebracht hätte. Stattdessen schaute ich mich um. Es war ein ungewohnter Ausblick: Durch die großen Schaufenster sah man auf eine graue mehrspurige Straße, auf der ab und an Autos vorbeifuhren. Auch die Häuser gegenüber waren grau, in seinen vielfältigen Abstufungen. Selbst der Himmel schien von hier aus grau zu sein. Vereinzelt brachten Werbeanzeigen ein wenig Farbe in die Szenerie. Drinnen war es genau umgekehrt – zumindest in dem Bereich, der als gemütliches Café dienen sollte. Die Wände waren einheitlich in einem dunklen Violett-Ton gestrichen, nur an einer Wand wurde diese Farbschicht durch zwei Riesenbilder durchbrochen. Die Bilder zeigten den Hamburger Hafen beim Sonnenuntergang. Sowohl dieses romantische Szenario als auch die Ledersessel und das scheinbar edle Parkett, wollten nicht so recht zu der tristen Welt da draußen passen. Umso wohler fühlte ich mich mit meinem Schoko-Menü. Zu meiner Erleichterung hatte der Laden sogar eine Toilette, so dass ich mich nach vollendeter Stärkung nach nebenan in das Internetcafé begeben konnte.

Ein Mann aus dem arabischen Raum begrüßte mich. Sein Kopf schloss nach oben hin mit einer Halbglatze ab. Dafür hatte er lange buschige Koteletten. Er saß in einem Glasverschlag gegenüber der Eingangstür. Neben einem Monitor hatte er noch eine bunte Sammlung von Telefonkarten, Handys und Geldbörsen aufgebaut. Da fehlten nur noch Uhren und Sonnenbrillen, um das Bild des umtriebigen Geschäftsmannes zu komplettieren. Er wies mir einen Computer zu und nachdem dieser endlich angemeldet war, konnte ich wieder bei Facebook reinschauen. Molly hatte mir geschrieben: „janis, noch da?“. Das war fünf Minuten nachdem ich mich abgemeldet hatte gewesen. Doch scheinbar hatte sie auf mein Erscheinen hier gewartet. Sie sei eben bei mir zuhause gewesen und habe den Schlüssel in die Zeitung vor der Haustür gelegt, ließ sie mich per Nachricht von ihrem Handy wissen. Nicht einmal zehn Minuten nach dem Betreten des Internetcafés verließ ich es wieder. Vor dem Glaskasten hatte ich noch ein wenig warten müssen, weil der Geschäftsmann einem afrikanischen Mann anscheinend eine schlechte Telefonkarte verkauft hatte. Der Afrikaner protestierte energisch, der arabische Geschäftsmann hielt dagegen, aber lenkte schließlich ein. Ich konnte meine 50 Cent bezahlen und machte mich auf den Weg nach Hause. Die Haustür war verschlossen, irgend Jemand hatte das Stück Holz weggenommen. Ich klingelte bei einem Nachbarn. Ohne danach zu fragen, wer sich unten befindet, wurde mir per Summer geöffnet, auch auf dem Weg nach oben schaute der ältere Herr, bei dem ich geklingelt hatte, nicht aus seiner Tür. Ich ging die letzte Treppe hoch, die in den dritten Stock führt. Vor der Tür lagen Zeitung und Tüten scheinbar unberührt, doch im Inneren der Zeitung lag mein Haustürschlüssel. Clever gemacht, dachte ich noch. So konnte Molly ihren Schlüssel für einen nächsten Notfall behalten. Ich schloss die Tür auf und als das Türschloss klackte, fiel die Anspannung von meinen Schultern. Wie schön war es doch, wieder hier zu sein! Ja, ich wollte noch immer zu dieser Journalistenveranstaltung, aber da konnte ich ja auch nach dem Mittagessen aufkreuzen. Zuerst einmal wollte ich mich hier in meinen vier Wänden wohl fühlen. Also kochte ich mir einen schönen schwarzen Tee und öffnete das Tütenpaket und probierte die bestellten Klamotten an. Sie passten. Als ich kurz darauf mit einer Tasse Tee auf dem Sofa Platz genommen hatte, konnte ich mir ein Lächeln über die Ereignisse der letzten Stunden nicht verkneifen.

14.10.12 10:50

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